04.06.2026
monatliche Gebetstage um geistliche Berufungen

Im Gespräch mit Dr. Gregor Haunerland

Der heutige monatliche Gebetstag um geistliche Berufungen trägt die Intention „Für alle Getauften“. Diesen Tag haben wir zum Anlass genommen, um mit dem Arzt Gregor Haunerland zu sprechen.

Lieber Gregor, stell dich zu Beginn gerne vor:

Ich bin Gregor Haunerland, mittlerweile 72 Jahre alt und insofern seit 7 Jahren im Ruhestand. In meiner Kindheit und Jugend bin ich in Essen in einer katholischen Familie aufgewachsen und in Messdiener- und Jugendarbeit tätig gewesen. Nach Schule und Abitur habe ich Medizin studiert und dann 40 Jahre in Krankenhäusern Deutschlands als Arzt gearbeitet; als Gynäkologe habe ich Frauen beraten, untersucht, operiert und bei Schwangerschaft und Geburt betreut. Ich bin seit 47 Jahren verheiratet, wir haben 4 längst erwachsene Kinder und 4 Enkelkinder.

 

Was hat dich dazu bewegt, Arzt zu werden?

Das weiß ich eigentlich gar nicht so genau. Den Schritt aufs altsprachliche Gymnasium haben meine Eltern festgelegt; ich hatte nichts dagegen. Ich bin gut durch die Schulzeit gekommen, vielleicht war es die Herausforderung, weil das Studium als schwer gilt (na ja, eigentlich muss man nur fleißig sein). Danach war ich erst bei der Bundeswehr, danach in einer chirurgischen Klinik und bin dann Gynäkologe geworden – das Kreative der Geburtshilfe hat mich gereizt und dass zügig Entscheidungen gefällt werden müssen.

 

Was war das Besondere an deinem Weg?

Mein Weg im ersten Lebensdrittel war rückblickend nicht durch bewusste Entscheidungen geprägt. Meine Eltern hatten mich zur Erstkommunion angemeldet, als ich im ersten Schuljahr war. Danach bin ich Messdiener geworden und habe Jugendgruppen und Ferienfreizeiten erlebt – und irgendwann wurde ich dann gefragt, ob ich Leiter werden wollte. Da musste ich nur Ja sagen, der Rest hat sich ergeben: zunehmende Verantwortung, Gespräche mit Kindern und deren Eltern, Organisation von Ferienfreizeiten, viel Unterstützung (selten auch Gegenwind) von der Pfarrgeistlichkeit. Ich hatte (und habe) Freude an liturgischer Gestaltung und bin früh in die Pfarrgemeinderats-Arbeit eingestiegen. Aber alle diese Aufgaben kamen auf mich zu, ich habe sie nicht bewusst gesucht. – Bei so viel katholischer Sozialisation war es nicht verwunderlich, dass mich ein Kaplan vor dem Abitur auch auf den Priesterberuf ansprach – aber dazu fühlte ich mich nicht berufen, das war (so denke ich auch rückblickend) nicht mein Weg.

 

Sind dir auf deinem Weg Herausforderungen begegnet?

Oh ja, viele und ganz verschiedene. So denke ich z.B. daran, dass ich in meinem Grundwehrdienst bei der Bundeswehr als junger, unerfahrener Stabsarzt einen Anruf erhielt von einem Wehrpflichtigen, der mir mitteilte, dass er jetzt Selbstmord begehen wollte. Oder ein anderer, der mir von seiner Freundin erzählte, die schwanger war und überlegte, die Schwangerschaft abbrechen zu lassen. Was macht man da? Ich war 26 Jahre alt, auf solche Situationen war ich doch gar nicht vorbereitet. Oder später im Kreißsaal: Da gab´s immer wieder Situationen, in denen ich mich in Sekunden entscheiden musste, was das richtige Vorgehen bei einem pathologischen Geburtsverlauf ist. Und dann der Umgang mit mir selbst, wenn die Entscheidung falsch war! Oder auch die Verantwortung, die ich als Chefarzt im Verhältnis zu meinem Team hatte: Wie kann ich mich dem Einzelnen, aber auch dem Krankenhausträger gegenüber richtig verhalten? Natürlich lassen sich Fachwissen, manuelle Fähigkeiten, Führungsstrategien, betriebswirtschaftliche Kenntnisse … erlernen, aber die Anwendung in der konkreten Situation erfordert oft gewissenhaftes Abwägen, noch häufiger auch schnelles intuitives Handeln.

 

An welchen Orten und wie tankst du neue Kraft?

Ich war nie nur Arzt. Ich war und bin immer auch Ehepartner, Teil einer Familie und mit anderen befreundet. Schon allein das verhindert einen zu engen Horizont, ist Korrektiv und schenkt Entspannung, z.B. in gemeinsamen Urlauben. Aber ich war und bin immer auch Christ. Ich finde Fragen an mich und auch Antworten im Wort Gottes, also in der Schriftlesung, sowohl im Gottesdienst als auch im persönlichen Beten und Meditieren. Es ist ja nicht so, dass wir Menschen nur zwischen Arbeit und Freizeit pendeln: Ohne Besinnung fehlt etwas (zumindest mir). Auch die Sakramente und der Glaube an den Gott, der mich begleitet und hält, sind mir wichtig. Wobei ich gar nicht sagen kann, wie es mir ohne diesen Glauben gehen würde – ich lebe ja mit und in ihm. Und weil mir der Glaube durch meine Familie und die katholische Kirche vermittelt wurde, bin ich genau so selbstverständlich Teil der Kirche wie ich Teil meiner Herkunftsfamilie bin. Dieses Leben mit der Kirche bringt nicht nur Aufgaben mit sich, die ich übernommen habe und übernehme, sondern schenkt umgekehrt auch Gewinn für meine Persönlichkeit, lässt mich reifen und stärkt mich. Ich bin überzeugt: Die Fähigkeit zur Übernahme einer Chefarzt-Funktion war auch Ergebnis der übernommenen Verantwortung in der katholischen Jugendarbeit; zur jahrzehntelangen Mitarbeit in kirchlichen Gremien bin ich bestärkt worden durch jeweils zuvor gemachte Erfahrungen; die Freude an theologischen Disputen wurde geweckt in vielen Gesprächen mit anderen Christen (hier in Paderborn besonders in der Meinwerk-Gilde); die Hoffnung auf eine Zukunft jenseits dieses Lebens wird genährt durch das, was ich anderen verkündigen darf, früher unseren Kindern und jetzt den Enkeln und als Laie im kirchlichen Beerdigungsdienst.

 

Was bedeutet Berufung für dich persönlich?

Jeder Mensch ist von Gott geschaffen mit seinen persönlichen Gaben und Schwächen. Jeder steht in bestimmten familiären und lokalen Zusammenhängen. Und jeder kann daraus etwas machen. Meine Frau, meine Kinder, mein Beruf, meine Tätigkeitsorte, meine Ehrenämter sind mir begegnet, Aufgaben haben sich gestellt, ich bin in Beziehung getreten. Gott führt mich, wohin auch immer. Ich muss mich nur fragen, ob (und vielleicht auch mit welcher Hilfe) ich das, was mir angetragen wird, bewältigen kann – oder ob nicht! Ich kann mich mit dem, was mir an Fähigkeiten geschenkt ist, vorbereiten; ich kann meine familiären Eigenschaften, meine beruflichen Kompetenzen, mein Gewissen, meinen Glauben weiterentwickeln; und dann setze ich mich da ein, wohin ich gerufen und gestellt werde. – Als am Ende des ersten Corona-Jahres die Impfzentren geplant wurden, war ich seit über 1 Jahr rüstiger Rentner; der Kollege, dem die Suche nach einer ärztlichen Leitung für die Paderborner Einrichtung aufgetragen war, hielt mich für geeignet und fragte mich; niemand hatte Erfahrung mit einer solchen Tätigkeit, ich natürlich auch nicht, aber dann habe ich diese Vollzeitaufgabe übernommen, ohne zu wissen, wie und ob es gelingen würde und wie lange es nötig wäre (nach 9 Monaten war Ende – Gott sei Dank). Das war vielleicht der deutlichste Moment, auf den das Wort „Berufung“ passt – so, wie ich nach 67 Lebensjahren ausgestattet war, bin ich zu dieser Aufgabe berufen worden.

 

Was möchtest du Personen mitgeben, die den Wunsch verspüren, ihre Berufung intensiver zu leben?

  • Tu, was anliegt.
  • Mach das, was du kannst.
  • Diene anderen, nicht deiner Bequemlichkeit.
  • Denk über deinen Glauben nach, allein und mit anderen.
  • Nutze die Seelsorge, liturgisch und personal.
  • Grüble nicht zu viel – Gott führt dich schon.
  • Wo du auch stehst, was du auch tust – du bist Zeuge der frohen Botschaft.

 

Lieber Gregor, wir danken dir für dieses Gespräch und wünschen dir alles Gute!

 

 

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