Lieber Theophilus, stell dich doch zu Beginn kurz vor…
Mein Name ist Theophilus Ugbedeojo Ejeh. Ich bin fünfzig Jahre alt und ein katholischer Priester der Diözese Idah in Nigeria. Ich habe in Makurdi in Nigeria mein Philosophiestudium und in Fulda und Münster (ein Freisemester) mein Theologiestudium und später ein Promotionsstudium an der Theologischen Fakultät Paderborn mit Fachgebiet Altes Testament gemacht.
Was hat dich dazu bewegt, Priester zu werden?
Ich bin als Baby getauft und kam später als Jugendlicher dazu, meinen Glauben durch den regelmäßigen Kirchenbesuch mit meiner Familie etwas besser kennen zu lernen. Wir wohnten damals ganz in der Nähe der Kirche, weil mein Vater Schulleiter der katholischen Grundschule am Ort war und in der Dienstwohnung lebte. Viele Priester, überwiegend weiße Missionare kamen, um die Hl. Messe für die Gemeinde zu feiern. Als Kind mochte ich ihre weiße Soutane und war begeistert von der Freundlichkeit der Priester. Ich glaube, damit wuchs schon die Absicht in mir, Priester zu werden. Schon mit neun oder zehn Jahren wollte ich Priester werden.
Was war das Besondere an deinem Weg?
Das Besondere an meinem Weg ist das Vertrauen, dass trotz Herausforderungen alles gelingen wird. Ich habe schon sehr früh angefangen, besondere Wünsche in mir zu tragen, mit der Hoffnung, dass sie in Erfüllung gehen werden.
Sind dir auf deinem Weg Herausforderungen begegnet?
Ja, ich habe immer wieder Herausforderungen auf meinem Weg gehabt. Die erste große Herausforderung hatte ich schon als Kind. Ich war gerade dabei, mich auf die Erstkommunion vorzubereiten, als mein muslimischer Großvater, bei dem ich lebte, mir verboten hatte, in die Kirche zu gehen. Ich musste hin und wieder sogar an manchen Sonntagen auf die Farm gehen. Ich war sehr traurig und unglücklich. Und obwohl ich schon als Kind eine fröhliche Natur hatte, konnte ich in dieser Zeit kaum lachen oder lächeln. Ich glaube, dass mein Großvater, der keinen Sohn hatte, mich vielleicht zum Stammhalter seiner Familie machen wollte. Er gab mir sogar einen muslimischen Namen: Shaibu, mit dem er mich aber kaum nannte. Allmählich merkte mein Großvater jedoch, dass ich traurig war, und so rief er mich eines Tages zu sich, hielt meine Hände zusammen und betete für mich. Dann gab er mir seinen Segen, wobei er mir sagte, dass ich meinen Weg frei gehen sollte. Nach meinem Grundschulabschluss eröffnete sich mir die Möglichkeit, in das Knabenpriesterseminar/Internat St. Kizito Seminary Idah zu gehen. Dort erst ging ich zur Erstkommunion und zur Firmung und dort lernte ich immer mehr, zu beten und eine persönliche Beziehung zu Jesus aufzubauen.
Meine nächste besondere Herausforderung war nach meinem Abitur. Weil viele Klassenkameraden von mir zu Universität gehen wollten, um verschiedene Fächer zu studieren, wollte ich das auch, obwohl ich in mir, wie gesagt, schon spürte, dass ich Priester werden wollte. Da ging ich eines Morgens zu meinem älteren Bruder Cyril und fragte ihn, was er dazu meint, wenn ich zur Uni gehe! Da sagte er zu mir, dass ich der Auserwählte unserer Familie sei. Alle anderen Jungs unserer Familie vorher hätten es nicht geschafft, sich für das Priestertum zu entscheiden, aber der Auserwählte wäre ich! Sogleich wurde mir klar, dass es meine Berufung ist, und ich habe danach keinen Zweifel mehr gehabt. Leider starb mein Bruder Cyril sehr früh und erlebte mich nicht mehr als Priester.
Die nächste große Herausforderung war die Entscheidung meines damaligen Bischofs Ephraim Silas Obot, mich nach Deutschland zum Theologiestudium zu schicken. Als ich nach meinem Philosophiestudium ein einjähriges Pastoralpraktikum in der St. Bonifatius Dompfarrei zu Idah machte, rief mich und einen Kameraden eines Abends der Bischof zu sich und sagte uns, dass das Bistum Idah uns als Botschafter zum Studium nach Deutschland schicken wird. Da war ich sprachlos! Ich wusste schon, was auf mich zukommen wird: Ich werde weit weg von meiner Familie und Freunden sein; ich werde eine neue Sprache lernen müssen; ich werde ein anderes Klima und eine neue Kultur erleben usw. Ich freute mich schon, so ein Abenteuer machen zu müssen, aber ich wusste, dass es nicht leicht sein wird. Die Reise nach Deutschland begann im Sommer 1998. Damit wurde Fulda, der Ort meines Studiums, meine erste Heimat in Deutschland. Dort habe ich den Sprachkurs gemacht und dort habe ich viele Prüfungen abgelegt. Der Weg war, wie gedacht, nicht leicht, aber durch Gebet und Fleiß war er erfolgreich.
Die nächste große Herausforderung war der Tod meines geliebten Vaters im Oktober 2001, noch in der Zeit meines Studiums in Fulda. Es war immer mein Wunsch, dass meine Eltern meine Priesterweihe erleben würden. Damit war der Tod meines Vaters vor der Weihe ein Schock. Er hat mir damals, als ich bei meinem Opa lebte und nicht in die Kirche gehen durfte, zur Geduld geraten. Dieser Rat hat meinen Weg irgendwie geprägt. Ich wusste, dass er stolz war, dass sein Sohn Seminarist wurde und sogar im Ausland studierte. So war ich traurig, dass er meine Priesterweihe nicht mehr miterleben konnte.
Eine nächste Herausforderung war ein Unfall. Es war genau zwei Wochen nach meiner Priesterweihe am 4. Mai 2003. In Nigeria feiert der neue Priester eine Reihe von Dankmessen in verschiedenen Gemeinden. Ich hatte an diesem Sonntag die Dankmesse auf dem Dorf meiner Mutter, in Ajaka, wo ich als Kind aufgewachsen war und wo ich auch mit meinen muslimischen Großeltern lebte. Nach der Hl. Messe und dem Empfang danach gab ich einem Cousin mein Auto, damit er meine Mutter und meine Geschwister wieder nach Hause fährt. Die Hinfahrt zu dem Ort namens Ankpa sollte ca. eineinhalb Stunden dauern. Aber ich wartete auf meinem Cousin den ganzen Nachmittag und bis zum Abend, aber er kam nicht zurück. Am nächsten Morgen bekam ich eine Nachricht, dass mein Cousin einen Unfall mit meinem Auto hatte und im Krankenhaus lag. Ich ging gleich zu ihm und war froh, dass er nur ein paar Prellungen hatte. Danach ging ich zu meinem Auto und sah, dass an der Motorhaube viel zerstört war. So brachte ich das Auto zur Reparatur und nach paar Wochen hat man es wieder repariert, aber der Motor ging nicht mehr an. Wir haben alles versucht, aber es ging nicht. Da fing ich an, ein Lied auf Igala, der Sprache meiner Mutter, zu singen: ‚ugbo k’ona ma den Ojo mi ach’ona. Enwu du ki gbiti nwone Ojo mi afu lola: Gott schafft einen Weg, wo es keinen gibt. Alles, was dem Menschen schwerfällt, macht mein Gott möglich‘. Ich sang das Lied mehrere Male und als ein Automechanischer den Motor auseinandernehmen wollte, bat ich ihn zu warten; da sang ich das Lied wieder und man versuchte, den Motor nochmal anzumachen – und es ging! Der Motor ging an, mit viel Rauch aus dem Auspuff, und da gab es einen Jubelschrei! Damit ist mir das Lied zu einem Wunderlied geworden.
An welchen Orten und wie tankst du neue Kraft?
Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, zu beten und auf die Kraft des Gebetes zu vertrauen. Schon im Knabenpriesterseminar ging ich gerne in die Kapelle um zu beten. Damit wurde mir die persönliche Beziehung zu Jesus wichtig. Die Anbetung ist für mich ein besonderes Mittel der Kraft und auch das Gebet des Rosenkranzes. Das Wort Gottes ist mir auch ein wichtiger Ort des Auftankens; ich habe einige liebgewonnene Stellen in der Bibel, die mir Kraft und Hoffnung schenken. Ich pflege es auch, hin und wieder in ein Kloster zu gehen und ein geistliches Gespräch mit einem Mönch zu suchen. Gerne verbringe ich auch ein paar Tage zu Exerzitien im Kloster. Gespräche mit Freunden und Familienmitgliedern sind auch Quelle der Kraft für mich.
Was bedeutet Berufung für dich persönlich?
Berufung ist für mich ein besonderer Ruf zu einer Beziehung zu Gott, aber auch zu den Mitmenschen! Sie ist für mich ein Unterwegssein mit Gott und den Menschen!
Was möchtest du Personen mitgeben, die den Wunsch verspüren, ihre Berufung intensiver zu leben?
Wer seine Berufung intensiver leben will, muss bereit sein, auf vieles zu verzichten und eine ewige Beziehung mit Gott einzugehen und diese Beziehung täglich zu pflegen. Man muss aber auch zu den Mitmenschen beziehungsfähig sein!
Möchtest du zum Schluss ein paar Worte zur momentanen Lage in deinem Land Nigeria sagen?
Nigeria ist ein riesiges und mit ca. 220 Millionen Menschen das bevölkerungsreichste Land in Afrika. Es gibt über 350 eigenständige Sprachen und Ethnien. Dies macht Nigeria interessant, aber auch schwierig, vor allem auf der politischen Ebene. Jeder will das Interesse seiner Ethnie vertreten. Zudem gibt es immer wieder Kräfte von außerhalb des Landes, die Interesse an Rohstoffen haben. Nigeria ist seit 1960 unabhängig, aber ich sehe das Land immer noch nicht völlig unabhängig, denn ständig mischen sich fremde Mächte ein. Zudem macht die Korruption in der Regierung alles noch schwieriger.
Seit einiger Zeit versetzen einige Terroristengruppen das Land in Angst und Schrecken. Seit 2009 kämpft Nigeria, z.B. mit der Boko Haram (übersetzt: Bildung ist Sünde). Diese Gruppe soll von Politikern, die durch Gewalt an die Macht kommen wollten, ins Leben gerufen worden seien. Diese Politiker mussten Geld an die Gruppe zahlen, damit sie Dienste für sie machte. Aber im Laufe der Zeit wurde sie eigenständig und zu einer gefährlichen Terrororganisation. Heute ist sie mit anderen Terrorgruppen im Ausland vernetzt.
Seit 2015 ist die Lage weiter eskaliert. Man sprach von Terroristen, die man wieder zu einem politischen Zweck ins Land gebracht hatte, und zwar in der Zeit des Wahlkampfs, wobei Muhammadu Buhari zum Präsidenten gewählt wurde. Man beschuldigt ihn und andere in seiner Regierung, dass neue Terroristen in das Land eingedrungen sind. Diese mischten sich unter die existierenden Terrorgruppen und die Nomaden, v.a. unter das Fulani-Volk, die schon immer Konflikte mit einheimischen Bauern hatten. Es wird immer wieder vermutet, dass manche Politiker den Terrorismus finanzieren würden.
Obwohl die Terrorgruppen verschiedene Menschengruppen in Nigeria attackieren, darunter auch Muslime, sind es überwiegend Christen, die darunter leiden. Immer wieder werden christliche Schulen attackiert und Schüler, überwiegend Mädchen, entführt. Im April 2014 war die alarmierende Entführung vieler Mädchen in Chibok. Auch ein Priesterseminar wurde attackiert und Seminaristen entführt und getötet.
Früher waren die Attacken überwiegend im Norden, aber jetzt geschieht es auch in weiteren Gebieten des Landes. Vor allem dort, wo Christen leben, wie Plateau und Benue, werden diese Ziel von Terrorattacken. Viele Menschen werden getötet und aus ihrer Heimat verjagt. Da die nigerianische Regierung nicht genug getan hat, um die Terrorakte zu stoppen, mussten einige religiöse Leiter wie Bischof Wilfred Chikpa Anagbe CMF, katholischer Bischof von Makurdi, nach ausländischer Hilfe suchen. In der Diözese von Bischof Anagbe wurden 2018 ca. 19 Menschen, darunter zwei Priester, während eines Gottesdienstes getötet. Ich war selber bei der Trauerfeier dieser Menschen dabei. Im Juni 2025 wurden in Benue ca. 200 Menschen getötet. Dies und vieles mehr zog internationale Aufmerksamkeit auf sich, vor allem in den USA.
Am 1. November 2025 erklärte die USA Nigeria zu: A Country of particular concern: Ein Land in besonderer Sorge! Der amerikanische Präsident warnte die nigerianische Regierung davor, nicht ungerührt zu bleiben angesichts des Leids und der Verfolgung der Menschen, vor allem der Christen, sonst würde die USA angreifen. Am Weihnachtstag geschah es, dass die Amerikaner viele der Terroristen attackiert und getötet haben. Aber seitdem haben die Terroristen wieder erneut Menschen, v.a. Schulkinder getötet und entführt. Die Menschen in Nigeria warten wieder auf die Hilfe der USA und anderer Länder, die in Zusammenarbeit mit der nigerianischen Regierung dieses schöne und interessante Land von den Terroristen befreien können.
Lieber Theophilus, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute dir und deinem Heimatland!