06.08.2026
monatliche Gebetstage um geistliche Berufungen

Im Gespräch mit Schwester Maria Veronika Engelmann

Der heutige monatliche Gebetstag um geistliche Berufungen trägt die Intention „Für alle Missionarinnen und Missionare“. Diesen Tag haben wir zum Anlass genommen, um mit der Salzkottener Franziskanerin Schwester Maria Veronika Engelmann zu sprechen, die seit vielen Jahren in Malawi/Südostafrika lebt.

Liebe Sr. M. Veronika, stell dich zu Beginn gerne vor:

Mein Name ist Schwester M. Veronika Engelmann. Ich bin 64 Jahre alt und gehöre seit inzwischen vierzig Jahren den Franziskanerinnen Salzkotten an. Ursprünglich heiße ich Gisela. Geboren wurde ich am 11. August 1962 in Düren und wenige Wochen später getauft. Von Beruf bin ich Pflegefachfrau mit einer Fachweiterbildung in Gerontopsychiatrie.

Aufgewachsen bin ich im kleinen Dorf Morschenich im Bistum Aachen – als zweites Kind meiner Eltern Erhard und Leni Engelmann. Meine Schwester Elfi ist sieben Jahre älter als ich. Ich war sozusagen der „Nachzügler“ der Familie und genoss den besonderen Vorteil, von Eltern, Großeltern, Tanten, Onkeln und Cousins gleichermaßen umsorgt zu werden. Heute würde man wahrscheinlich sagen: Ich hatte eine ganze Fangemeinde. Meine Kindheit war glücklich und unbeschwert. Meine Eltern besaßen keinen Reichtum, aber sie schenkten uns etwas viel Wertvolleres: Geborgenheit, Liebe und das Gefühl, dass wir Kinder das Wichtigste in ihrem Leben waren.

Mein Vater arbeitete als Betriebsschlosser – heute würde man Konstruktionsmechaniker sagen – und meine Mutter war Hausfrau. Mein Vater hat unglaublich hart gearbeitet, damit wir Kinder eine schöne Kindheit erleben konnten. Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, auf wie vieles meine Eltern selbst verzichteten, um uns so vieles zu ermöglichen.

Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehören unsere Urlaube in Castricum an der holländischen Nordsee. Das klingt heute vielleicht nicht außergewöhnlich, doch damals war es für ein Arbeiterkind aus einem kleinen Dorf etwas ganz Besonderes. Tatsächlich waren wir eine der ersten Familien in Morschenich, die überhaupt ins Ausland in den Urlaub fuhren. Ich sehe noch heute die Nachbarn vor mir, die nach unserer Rückkehr neugierig aus den Fenstern schauten. Mein Großvater, der während unseres Urlaubs zu Hause geblieben war, stand stolz auf dem Bürgersteig und grinste die Zuschauer an, als wollte er sagen: „Ja, sie sind wieder da.“ Das Dorf sprach oft noch Wochen später über unsere Ferien. Meine Schwester und ich lachen bis heute darüber.

Das Leben in Morschenich war stark katholisch geprägt. Von den damals etwa 600 Einwohnern war lediglich eine Familie evangelisch. Für uns Kinder erschien das damals fast exotisch. Kirche gehörte ganz selbstverständlich zum Alltag. Es gab das katholische Jugendheim, die Pfarrbücherei, das Schützenfest, das Maifest – und natürlich den sonntäglichen Gottesdienst. Anschließend traf man sich, unterhielt sich und feierte gemeinsam. Glaube war damals weniger ein Thema für Diskussionen als vielmehr eine Lebensform.

Leider existiert mein Heimatdorf heute in dieser Form nicht mehr. Der Braunkohletagebau hat Morschenich fast vollständig verschwinden lassen. Die meisten Bewohner zogen in das neu entstandene Morschenich um, auch die Gräber meiner Eltern wurden dorthin verlegt. Als 2023 schließlich auch noch unsere Pfarrkirche durch einen Großbrand zerstört wurde, war das für viele ehemalige Morschenicher weit mehr als der Verlust eines Gebäudes. Es war, als würde ein weiteres Stück Heimat für immer verschwinden. Vielleicht hat mich gerade diese Erfahrung gelehrt, dass unsere eigentliche Heimat letztlich nicht aus Steinen besteht, sondern aus den Menschen, die wir lieben, aus den Erinnerungen, die wir bewahren, und aus der Gewissheit, dass Gott uns auf allen Wegen begleitet – ganz gleich, wohin sie führen.

Was hat dich dazu bewegt, Franziskanerin und Missionarin zu werden?

Wenn mir als Fünfzehnjährige jemand gesagt hätte, dass ich einmal den größten Teil meines Lebens in Malawi verbringen würde, hätte ich ihn wahrscheinlich freundlich angelächelt und für ziemlich verrückt gehalten. Damals begann ich zum ersten Mal darüber nachzudenken, ob Gott mich vielleicht in die Mission ruft. Ich wusste nur noch nicht, in welcher Form.

Ich bin in einer traditionellen katholischen Familie aufgewachsen. Der Glaube gehörte selbstverständlich zu unserem Alltag. Wir gingen samstags gemeinsam zur Vorabendmesse, beteten miteinander und versuchten, unseren Glauben im täglichen Leben umzusetzen. Dabei war unser Elternhaus alles andere als übertrieben fromm. Mein Vater war vor seiner Hochzeit evangelisch gewesen und hatte sich eine wohltuend kritische Haltung gegenüber jeder Form von Frömmelei bewahrt. Von ihm habe ich gelernt, dass Glaube glaubwürdig sein muss. Er zeigt sich nicht zuerst in vielen Worten, sondern darin, wie wir miteinander umgehen.

Mit etwa fünfzehn Jahren ließ mich die Frage nicht mehr los, ob Gott mich vielleicht als Missionarin oder Entwicklungshelferin gebrauchen wollte. Also fasste ich mir ein Herz und schrieb an den damaligen Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle. Rückblickend staune ich heute noch über meinen Mut. Welcher Teenager schreibt schon einfach einem Bischof?

Bischof Hemmerle leitete meinen Brief an Schwester Gisela Harth weiter. Ihre Antwort begleitet mich bis heute. Sie schrieb mir, ich sei noch sehr jung. Zwischen einer Missionarin und einer Entwicklungshelferin bestehe ein großer Unterschied, und ich müsse jetzt noch keine Entscheidung treffen. Sie war überzeugt, dass Gott mir zur rechten Zeit zeigen würde, welchen Weg er für mich vorgesehen hatte. Damit verschwand das Thema zunächst wieder aus meinem Blickfeld. Oder besser gesagt: Ich vergaß es – Gott offenbar nicht.

Nach dem Abitur an der St.-Angela-Schule in Düren begann ich meine Ausbildung zur Krankenschwester im Marien-Hospital Düren-Birkesdorf. Dort begegnete ich den Franziskanerinnen Salzkotten. Schon während meiner Schulzeit hatte ich die Ursulinen kennengelernt, aber damals wäre ich niemals auf die Idee gekommen, selbst einmal Ordensfrau zu werden. Während meiner Ausbildungszeit hatte ich auch eine kurze Beziehung. Sie hielt nicht lange. Damals war das schmerzlich. Heute sehe ich darin einen jener Wege, auf denen Gott manchmal leise Türen schließt, damit andere geöffnet werden können.

Immer mehr faszinierte mich die Art, wie die Schwestern ihren Dienst versahen. Es war nicht in erster Linie das, was sie taten, sondern wie sie es taten. Sie begegneten den Menschen mit großer Herzlichkeit, einer spürbaren Freude und einer Selbstverständlichkeit, die mich tief beeindruckte. Besonders die jungen Schwestern strahlten eine Lebensfreude aus, die so gar nicht zu dem Bild passte, das viele Menschen von Ordensfrauen haben. Damals dachte ich zum ersten Mal: Wenn Ordensleben so aussieht, dann möchte ich mehr darüber erfahren.

Eine wichtige Rolle spielte auf meinem Weg auch mein damaliger Pfarrer Helmut Kaiser. Seine Spiritualität war stark von Papst Johannes Paul II. geprägt. Von ihm lernte ich, dass Nachfolge Christi bedeutet, sich mit ganzem Herzen auf Gott einzulassen und den Mut zu haben, sein Leben konsequent an diesem Ruf auszurichten. Dennoch stand für mich keineswegs fest, dass ich Franziskanerin in Salzkotten werden würde. Ich besuchte verschiedene Ordensgemeinschaften und war auf der Suche nach dem Ort, an den Gott mich rief.

Dann hing eines Tages in der Krankenpflegeschule ein Aushang. Eingeladen wurde zu den Kar- und Ostertagen im Mutterhaus der Franziskanerinnen Salzkotten. Ich meldete mich an – eher aus Neugier als mit einer konkreten Absicht. Doch schon am ersten Tag geschah etwas, das ich bis heute kaum beschreiben kann. Es war keine Stimme vom Himmel und kein spektakuläres Erlebnis. Es war vielmehr eine tiefe innere Gewissheit.

Hier kannst du leben. Hier kannst du atmen. Hier bist du zu Hause.

Bis zu meinem Eintritt verging deshalb nicht mehr viel Zeit. Für meine Eltern war meine Entscheidung allerdings zunächst alles andere als leicht. Sie mussten ihren eigenen Weg finden, meinen Weg anzunehmen. Heute bin ich dankbar, dass sie dies schließlich aus Liebe getan haben. Während des Noviziats und Juniorats arbeitete ich in verschiedenen Altenpflegeeinrichtungen unserer Gemeinschaft. Nach meiner Fachweiterbildung in Gerontopsychiatrie half ich zunächst in einer Kommunität in Bad Lippspringe aus.

Dann kam ein Telefonanruf, der mein Leben völlig verändern sollte. Unsere damalige Provinzoberin, Schwester Christiane Wittmers, fragte mich, ob ich bereit wäre, für drei Monate nach Malawi zu gehen, um unsere Schwestern in Madisi während mehrerer Heimaturlaube zu unterstützen. Meine erste Reaktion war: Schwester Christiane muss sich verwählt haben. Mich? Wirklich mich? Ich war fast versucht zu fragen, ob sie vielleicht eine andere Veronika meinte. Aber nein – sie meinte tatsächlich mich. So kam ich 1994 nach Malawi.

Schon bei meiner Ankunft spürte ich, dass ich eine völlig andere Welt betreten hatte. Vieles war fremd: die Sprache, die Kultur, die Einfachheit des Lebens und die allgegenwärtige Armut. Gleichzeitig begegneten mir Menschen mit einer Herzlichkeit, einem Humor und einer Gastfreundschaft, die mich tief berührten.

Eigentlich sollte ich nur drei Monate bleiben. Daraus wurden zunächst neun Monate. Dann fragte mich unsere nächste damalige Provinzoberin Schwester M. Adela Engelmann, ob ich mir vorstellen könne, dauerhaft in Malawi zu leben. Ich habe lange darüber nachgedacht und sagte dann schließlich Ja.

Zunächst übernahm ich die Verantwortung für die Krankenhausapotheke des Madisi Mission Hospitals. Als wir 2002 die Leitung des Krankenhauses vollständig in die Hände malawischer Fachkräfte übergaben, begann für unsere Gemeinschaft ein neuer Abschnitt. Unser Schwerpunkt verlagerte sich auf die Begleitung von AIDS-Waisen und ihrer Familien. Mit der Gründung der St. Francis Catholic Primary School entstand eine neue Perspektive für unsere Mission. Später kamen ein Kindergarten und weitere Projekte hinzu. Seit 2007 arbeite ich gemeinsam mit meinen deutschen und indonesischen Mitschwestern an der Schule und durfte miterleben, wie aus kleinen Anfängen etwas Großes wachsen konnte. Heute gibt es neben Madisi eine zweite Gemeinschaft in Dowa. Dort begleiten wir junge afrikanische Frauen auf ihrem Weg in unsere franziskanische Gemeinschaft. Zu sehen, wie Gott auch heute noch Menschen ruft, erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit.

Wenn ich heute auf all das zurückblicke, muss ich manchmal schmunzeln. Ich wollte eigentlich nur drei Monate bleiben. Inzwischen sind mehr als drei Jahrzehnte daraus geworden. Offenbar hat Gott einen ganz eigenen Kalender – und ich bin froh, dass ich mich auf seinen Zeitplan eingelassen habe.

Was war das Besondere an deinem Weg?

Wenn ich meinen Lebensweg in einem Satz beschreiben müsste, würde ich sagen: Gott hat mir fast nie den ganzen Weg gezeigt – immer nur den nächsten Schritt. Ich glaube, das war das Besondere an meiner Berufung. Ich bin nie mit einem großen Masterplan nach Malawi gegangen. Eigentlich wollte ich nur für drei Monate aushelfen. Ich wusste damals nicht, dass Gott daraus mein Lebensprojekt machen würde. Rückblickend erkenne ich, dass meine Berufung Schritt für Schritt gewachsen ist. Als junge Schwester wusste ich zwar, dass Gott mich in die Nachfolge ruft. Dass diese Berufung mich einmal nach Afrika führen würde, konnte ich damals noch nicht ahnen.

Auch mein Verständnis von Mission musste erst wachsen. Am Anfang dachte ich vielleicht – wie viele Menschen – Mission bedeute vor allem, anderen etwas zu bringen. Heute sehe ich das anders. Natürlich dürfen wir Wissen weitergeben, Schulen bauen oder Menschen medizinisch begleiten. Aber genauso sehr lassen wir uns selbst beschenken. Ich glaube sogar, dass ich von den Menschen in Malawi mindestens genauso viel gelernt habe, wie ich ihnen geben konnte. Mission bedeutet für mich deshalb nicht, Antworten zu bringen. Mission beginnt damit, zuzuhören, gemeinsam unterwegs zu sein und Gott bereits im Leben der Menschen zu entdecken.

Deshalb empfinde ich meine Berufung als Missionarin heute als eine Berufung innerhalb meiner Berufung zur Franziskanerin. Je länger ich hier lebe, desto dankbarer werde ich dafür. Und manchmal muss ich dabei schmunzeln. Denn hätte Gott mir mit 25 Jahren erzählt, was alles auf mich zukommen würde, hätte ich wahrscheinlich geantwortet: „Lieber Gott, können wir vielleicht erst einmal mit den drei Monaten anfangen?“ Ich glaube, Gott kennt uns Menschen ziemlich gut.

Sind dir auf deinem Weg Herausforderungen begegnet?

Es waren nicht die Sprache, nicht die Kultur und auch nicht die Einfachheit des Lebens. Am schwersten fiel mir die Entfernung zu meinen Eltern. Mit jedem Heimaturlaub wurde der Abschied schwerer. Je älter meine Eltern wurden und je mehr ihre Gesundheit nachließ, desto häufiger stellte ich mir auf dem Rückflug dieselbe Frage: Wirst du sie noch einmal wiedersehen? Diese Frage hat mich viele Jahre begleitet. 2003 starb meine Mutter. 2006 mein Vater. Beide Male erhielt ich die Nachricht hier in Malawi. Ich konnte mich von keinem von ihnen verabschieden. Das gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen meines Lebens. Mission bedeutet manchmal auch, Opfer zu bringen, die niemand sieht.

Gerade in dieser Zeit habe ich jedoch erfahren, was Gemeinschaft wirklich bedeutet. Meine Mitschwestern haben mich getragen, als ich selbst kaum noch Kraft hatte. Dafür bin ich bis heute unendlich dankbar. Heute glaube ich, dass meine Eltern meinen Weg letztlich verstanden haben. Vielleicht besser als je zuvor. Und ich bin sicher, dass sie heute mit liebevollem Blick auf mein Leben schauen.

An welchen Orten und wie tankst du neue Kraft?

Die wichtigste Kraftquelle ist für mich unsere Gemeinschaft. Ich könnte mir ein Leben allein kaum vorstellen. Wir tragen einander, beten miteinander, lachen miteinander und stehen füreinander ein. Natürlich gibt mir auch das persönliche Gebet und die gemeinsame Eucharistie immer wieder neue Kraft. Ein weiterer Ort, an dem ich Gott besonders nahe komme, ist die Natur. Viele Menschen finden Gott in einer Kirche. Ich auch. Aber manchmal finde ich ihn genauso tief unter einem afrikanischen Sternenhimmel. Schon seit vielen Jahren faszinieren mich Astronomie und Weltraumforschung. Manche Menschen glauben, wissenschaftliche Erkenntnisse würden den Glauben infrage stellen. Bei mir ist genau das Gegenteil geschehen. Je mehr ich über das Universum lerne, desto größer wird mein Staunen. Für mich erzählen Naturwissenschaft und Glaube keine unterschiedlichen Geschichten. Sie betrachten dieselbe Wirklichkeit aus zwei verschiedenen Blickwinkeln. Die unglaubliche Ordnung des Kosmos, die Schönheit der Naturgesetze und die Feinabstimmung unseres Universums sind für mich keine Zufälle. Sie lassen mich immer wieder neu über die Größe Gottes staunen.

Der Höhepunkt dieser unendlichen Liebe ist für mich jedoch nicht das Universum. Es ist Jesus Christus. Denn derselbe Gott, der Milliarden Galaxien geschaffen hat, ist Mensch geworden und hat mitten unter uns gelebt. Dieser Gedanke bewegt mich bis heute.

Eine weitere Kraftquelle sind die Menschen hier in Malawi. Viele besitzen nur sehr wenig und schenken dennoch unglaublich viel. Sie haben mich gelehrt, dankbarer zu leben, das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren und auch in schwierigen Zeiten die Hoffnung nicht aufzugeben. Oft werde ich gefragt, was ich den Menschen hier gebe. Meine Antwort lautet meistens: Vermutlich bekomme ich mehr zurück, als ich jemals geben kann.

Was bedeutet Berufung für dich persönlich?

Für mich ist Berufung kein einmaliges Ereignis, sondern eine lebenslange Beziehung zu Gott. Sie ist nichts Starres, das irgendwann abgeschlossen wäre. Im Gegenteil: Berufung bleibt in Bewegung. Gott ruft uns immer wieder neu – manchmal leise, manchmal überraschend und oft ganz anders, als wir es erwartet hätten.

Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, erkenne ich das sehr deutlich. Nie hatte ich einen fertigen Plan für die nächsten zehn oder zwanzig Jahre. Im Rückblick sehe ich vielmehr viele kleine Schritte, bei denen Gott mir jeweils den nächsten Weg gezeigt hat. Manchmal hätte ich mir mehr Klarheit gewünscht. Heute bin ich froh, dass Gott mir nicht den ganzen Weg auf einmal gezeigt hat. Wahrscheinlich hätte ich den Mut verloren oder gesagt: „Das schaffe ich nie.“ Stattdessen durfte ich erfahren, dass Gott immer nur den nächsten Schritt von mir erwartet – und dass seine Gnade für diesen Schritt ausreicht.

Berufung bedeutet für mich deshalb vor allem, mit einem hörenden Herzen durchs Leben zu gehen. Offen zu bleiben für Gottes Stimme, für seine Überraschungen und manchmal auch für seine ganz eigenen Zeitpläne. Je älter ich werde, desto mehr entdecke ich, dass Gott mich nicht nur geführt hat, sondern mich unterwegs auch verändert hat. Ich durfte nicht nur neue Länder und Kulturen kennenlernen, sondern auch mich selbst. Das empfinde ich als eines der größten Geschenke meiner Berufung.

Was möchtest du Personen mitgeben, die den Wunsch verspüren, ihre Berufung intensiver zu leben?

Zunächst einmal möchte ich allen Mut machen: Habt keine Angst! Gott ruft keine perfekten Menschen. Er ruft ganz gewöhnliche Menschen – mit ihren Stärken, ihren Grenzen und manchmal auch mit ihren Zweifeln. Ich glaube sogar, dass Zweifel nicht unbedingt das Gegenteil von Glauben sind. Oft gehören sie zu einem ehrlichen Glaubensweg dazu. Deshalb möchte ich jungen Menschen sagen: Wartet nicht darauf, dass alle Fragen beantwortet sind. Wenn wir immer erst absolute Sicherheit haben wollen, werden wir wahrscheinlich niemals aufbrechen. Berufung beginnt meistens mit einem kleinen ersten Schritt. So war es jedenfalls bei mir. Mit fünfzehn schrieb ich einen Brief an einen Bischof. Später meldete ich mich eher zufällig zu den Kar- und Ostertagen in Salzkotten an. Dann sagte ich Ja zu drei Monaten in Malawi. Keiner dieser Schritte wirkte damals besonders groß. Aber jeder einzelne führte zum nächsten. Heute erkenne ich darin den roten Faden meines Lebens.

Deshalb möchte ich allen, die nach ihrer Berufung suchen, sagen: Habt den Mut, den nächsten Schritt zu gehen – auch wenn ihr den ganzen Weg noch nicht sehen könnt.

Und geht diesen Weg nicht allein. Für mich war die Gemeinschaft immer ein großes Geschenk. Menschen, die mitbeten, zuhören, ehrlich Rückmeldung geben und einen manchmal auch wieder aufrichten, wenn man selbst gerade keinen Mut mehr hat, sind unbezahlbar.

Zum Schluss möchte ich noch einen Gedanken weitergeben, der mich seit vielen Jahren begleitet: Gott schreibt selten die Geschichte, die wir selbst geplant hätten. Aber wenn wir ihm vertrauen, schreibt er oft eine Geschichte, die viel schöner ist, als wir sie uns jemals hätten ausdenken können. Wenn mich heute jemand fragen würde, ob ich mein Leben noch einmal genauso leben möchte, müsste ich nicht lange überlegen. Ja. Aus tiefstem Herzen. Nicht, weil immer alles leicht gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Es gab Tränen, Abschiede, Zweifel und schmerzliche Erfahrungen. Aber es gab noch viel mehr Freude, unzählige Begegnungen, unendlich viel Gnade und das tiefe Wissen, dass Gott mich niemals allein gelassen hat.

Und wenn ich heute auf die junge Fünfzehnjährige zurückblicke, die sich damals fragte, ob Gott sie vielleicht in die Mission ruft, dann würde ich ihr am liebsten zuflüstern: „Hab keine Angst. Du kannst Gott ruhig vertrauen. Er wird dich auf Wege führen, die du heute noch nicht einmal erahnen kannst. Und eines Tages wirst du staunend zurückblicken und sagen: Genau so sollte mein Leben sein.“

Liebe Schwester M. Veronika, wir danken dir für dieses Gespräch und wünschen dir alles Gute!

Ich danke Ihnen herzlich für dieses Gespräch. In diesem Jahr durfte ich auf vierzig Jahre Ordensleben zurückblicken. Wenn ich heute noch einmal vor derselben Entscheidung stünde, würde ich sie wieder treffen – aus voller Überzeugung und mit großer Dankbarkeit.

Mein Wunsch ist, dass junge Menschen den Mut haben, auf Gottes Stimme zu hören. Berufung bedeutet nicht, dass jeder Missionarin oder Priester werden muss. Gottes Ruf ist so vielfältig wie die Menschen selbst. Entscheidend ist, dass wir den Platz finden, an dem wir mit unseren Talenten und unserer Liebe für andere da sein können. Denn eines habe ich in all den Jahren gelernt: Wer Gott sein Vertrauen schenkt, verliert nichts. Er gewinnt ein Leben, das er sich selbst niemals hätte ausdenken können.

 

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