Die Begleiterin

Es muss nicht immer der Priester sein. Seit 2007 übernehmen auch Laien den Begräbnisdienst im Erzbistum Paderborn.

Gemeindereferentin Claudia Becker aus dem Pastoralverbund Reckenberg ist eine vonderzeit 108 Frauen und Männern, die diesen Dienst verrichten. Die Corona-Pandemie fordert sie jetzt ganz besonders.

Für Trauernde ist Corona eine Zumutung. Claudia Becker, die im Pastoralverbund Reckenberg in der Gegend um Rheda-Wiedenbrück Begräbnisdienst übernimmt, kann dazu viele Geschichten erzählen. Wie den Fall einer Familie, die in der Traueranzeige die Uhrzeit der Beisetzung angegeben hatte. Es kamen plötzlich mehr Leute als erwartet, mehr als erlaubt. Die Geschichte schlug große Wellen in der Lokalpresse und beim Ordnungsamt. „Die Familie war überfordert, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, würdig Abschied zu nehmen, und der Notwendigkeit, den Auflagen gerecht zu werden“, berichtet Becker. Im ersten Lockdown war es noch schlimmer. Feiern in der Kapelle waren verboten. Nur zehn Personen durften mit ans Grab. „Wer darf zur Beerdigung? Für große Familien war das furchtbar“, sagt Becker. Die Gespräche mit der Familie werden da umso wichtiger. „Den Hinterbliebenen biete ich immer an, zum Vorgespräch zu ihnen nach Hause zu kommen, gerade jetzt in Zeiten von Corona. Natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln. Am Telefon möchte ich so ein Gespräch nicht führen – nur wenn die Angehörigen es wünschen“, sagt Becker. Oft dauert es mehrere Stunden. Sie spendet Trost, hört sich die Lebensgeschichte an. „Man wird mitgenommen in ein Leben. Das möchte ich bei der Trauerfeier wertschätzen.“ Seit sie 1987 Gemeindereferentin wurde, hatte sie immer wieder todkranke Menschen begleitet. „Bei der Beerdigung war dann aber immer Schluss und ich musste an den Priester übergeben, auch wenn der gar keinen Bezug zu den Personen hatte.“ Auch deshalb hatte sie sich 2013 bereit erklärt, den Begräbnisdienst zu übernehmen, als in ihrer Gemeinde eine Vikarsstelle wegfiel und Unterstützung durch Laien nötig wurde. Seitdem macht sie all das, was früher nur der Priester durfte. Die Menschen nehmen das gut an, viele wünschen sich gerade sie für die Beerdigung, weil man sie aus dem Dorf oder von anderen Trauerfeiern kennt. Die Zusatzausbildung für den Begräbnisdienst brauchte sie als studierte Religionspädagogin nicht. Dort beschäftigen sich die Teilnehmenden an sechs Wochenenden mit ihren eigenen Erfahrungen mit dem Tod, mit theologischen und rechtlichen Fragen. Becker ist Referentin bei solchen Seminaren, bildet sich aber auch immer wieder selbst fort. Zum Beispiel zur Psychologie, Musik, aber auch zur Körpersprache. „Manchmal bewirkt eine kleine Geste wie ein letztes Handauflegen auf den Sarg sehr viel.“ Bei ihrer ersten Beerdigung war sie unglaublich aufgeregt, erinnert sie sich. „Hoffentlich breche ich nicht in Tränen aus“, dachte sie. Ihr Mentor, den jeder Anfänger am Anfang zur Seite gestellt bekommt, ein Franziskaner-Bruder, sagte: „Wenn du das Gewand anziehst, kommst du in die Rolle hinein. Es schützt dich vor den Emotionen.“ „Und so ist es“, bestätigt Becker. Diesen Schutzmantel braucht sie derzeit immer öfter. Die Gegend um Rheda-Wiedenbrück ist Corona-Hotspot. Hatte Becker bislang eine Beerdigung im Monat, so sind es jetzt ein bis zwei pro Woche. „Wir hatten schon Beerdigungen mit zwei Särgen, wo ein Paar oder Mutter und Sohn fast gleichzeitig an Corona verstorben sind“, berichtet sie. „Das geht mir schon sehr nah.“ Nach manch einer Beerdigung fühlt sie sich wie ausgesogen. Dann geht sie mit ihrem Hund durchs Dorf oder verarbeitet das Erlebte im Gespräch mit den Kollegen. „Nach zwei Stunden geht es wieder. Man denkt vielleicht noch dran, aber man trägt es nicht mit sich mit.“ Dafür gibt ihr die Aufgabe viel zurück: „Wir sind an diesem Lebenswendepunkt ganz nah bei den Menschen, wir begleiten sie und verkünden die Auferstehungshoffnung. Schön, dass ich das darf.“

 

Text und Bild: Erzblatt Ausgabe 01/21
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