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Wie entdecke ich meine Berufung
OrdenWie entdecke ich meine Berufung

Wie entdecke ich meine Berufung

Welches Passwort ist mir mitgegeben worden?

von
Dr. Wunibald Müller

Recollectio-Haus | Münsterschwarzach

Den Lebenstraum herausfinden

In einer Geschichte wird erzählt, wie ein Junge über viele Wochen einem Bildhauer zuschaut, der aus einem riesigen Marmorblock Stück für Stück herausmeißelt, bis schließlich ein wunderschöner Löwe zu erkennen ist. Der erstaunte Junge fragt den Bildhauer: „Woher hast du gewusst, dass in dem Felsen ein Löwe ist?“

Diese Geschichte fällt mir ein, wenn ich an Berufung denke und dabei der Frage nachgehe, wie erkenne ich meine Berufung, wie wird mir meine Berufung deutlich? Für mich hat das sehr viel damit zu tun, herauszufinden, was mein Lebenstraum ist, worin sich meine tiefste Sehnsucht verwirklicht. Es geht darum, jenes Passwort zu finden, von dem Romano Guardini interessanterweise anhand eines Traumes berichtet. In diesem Traum wurde zu ihm oder von ihm Folgendes gesagt: „Es wurde einmal gesagt, wenn der Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben, und es war wichtig, was gemeint war: nicht nur eine Veranlagung, sondern ein Wort. Es wird hineingesprochen in sein Wesen und es ist wie ein Passwort zu allem, was dann geschieht. Es ist Kraft und Schwäche zugleich. Es ist Auftrag und Verheißung. Es ist Schutz und Gefährdung. Alles, was dann im Gange der Jahre geschieht, ist Auslegung dieses Wortes, ist Erläuterung und Erfüllung. Und es kommt alles darauf an, dass der, dem es zugesprochen wird – jeder Mensch, denn jedem wird eines zugesprochen -, es versteht und mit ihm ins Einvernehmen kommt.“

In der Zeit, in der wir uns in besonderer Weise damit auseinandersetzen, wer wir sind, was wir wollen, wie unser Lebenstraum aussieht, ist die Zeit der Identitätsfindung, die in der Regel zwischen dem 18. und 23. Lebensjahr stattfindet. Es geht in dieser Zeit darum, im Ergründen meines Lebensgrundes, meinen Lebenstraum zunehmend deutlich herauszufinden. Wie wichtig es ist, seinen Lebenstraum herauszufinden, sein Passwort zu entdecken, macht der Begründer des Zisterzienserordens Bernhard von Clairvaux deutlich, wenn er sagt:

Wenn du dich selbst nicht kennst, gleichst du jemanden, der ohne Fundamente eine Ruine statt eines Gebäudes errichtet. Alles was du außerhalb deiner selbst aufrichtest, wird wie ein Staubhaufen sein, der dem Winde preisgegeben ist. Keiner ist also weise, der nicht über sich selbst Bescheid weiß. Ein Weiser wird in Weisheit über sich selbst Bescheid wissen und trinkt als Erster aus dem Quell seines eigenen Wassers.

In die Tiefe gehen

Wer ich bin, was ich will, was meinen Lebenstraum ausmacht, dahin komme ich nicht nur allein durch Nachdenken. Ich muss in die Tiefe gehen. Ich muss mein Selbst erfahren, meinen „Grund und Ursprung“ (C.G. Jung), meine individuelle Persönlichkeit. Gerade bei der Herausfindung meiner Identität und einhergehend damit meines Lebenstraumes ist es wichtig, mein Selbst zu berücksichtigen, zunehmend herauszufinden, was über mein bewusstes Ich hinaus, das, was mich im Tiefen ausmacht, nämlich mein Selbst mir als meinen Lebenstraum, mein Passwort mitteilen möchte. Denn so sehr mein Gefühl und mein Verständnis dafür, wer ich bin und die Umsetzung dieses Gefühls oder Verständnisses in einen Beruf, das Ergebnis bisher gemachter Erfahrungen und verschiedenster äußerer Einflüsse und konstitutioneller Gegebenheiten sein mag, gibt es einen Impuls dazu, der aus unserem Innersten kommt.Diesen Impuls, diesen Ruf aus dem Innersten werde ich aber nicht allein durch Nachdenken erkennen können. Es bedarf der Selbst-Erfahrung, des Hinabsteigens in meine Tiefe, des Ergründens, was in meiner Tiefe von mir her gewollt wird. Selbst-Erfahrung meint hier, mir mein Selbst vertrauter zu machen. Die Tiefenpsychologie sagt uns, dass das, was unserem Ich bewusst ist, vergleichbar ist mit der Spitze eines Eisberges. Es ist oft nur 10% von dem, was uns wirklich ausmacht, vergleichbar der Spitze des Eisberges, die aus dem Meer herausragt. Die restlichen 90%, die unser Selbst ausmacht, bleiben uns oft verborgen, es sei denn, wir bemühen uns, wir sind bereit, uns mit unserem Selbst vertrauter zu machen und es zu erfahren.

Hier wird deutlich, dass das Herausfinden meines Lebenstraumes und meiner Berufung eine große Offenheit voraussetzt, mich mit mir selbst und meinem Selbst auseinander zu setzen. Das kann geschehen, wenn ich zum Beispiel offen bin für meine Träume. Träume gewähren mir Einblick in das Innere meiner Tiefe. Wenn ich diese Tiefe in mir fruchtbar machen will für meine Berufung, ist es wichtig, dass ich in einem ständigen Kontakt mit ihr stehe, zum Beispiel über meine Träume. Träume sind so etwas wie Kontaktangebote aus meiner Tiefe. Sie sind, wie es der Psychologe Erich Fromm einmal nannte, Briefe eines Freundes. Lesen wir sie nicht, entgeht uns etwas Schönes und Wichtiges. Sie sind weiter vergleichbar Engeln, die Botschaften vom Himmel an uns Menschen bringen möchten. Gerade bei meiner Berufung ist es für mich wichtig, dass ich die Botschaft des Himmels berücksichtige, zunehmend für mich erkenne. Was immer die Träume mir mitteilen, es trägt zu meiner Bereicherung bei. Es erweitert mein Wissen über mich selbst. Es vertieft dieses Wissen. Es geht dabei um ein Selbst-Erkennen, das ein bloßes Wissen über mich übersteigt, da es mit einem tiefen Erfahren meiner selbst, ja meines Selbst einhergeht. Das Erkenne-Dich-Selbst wird erweitert um das Erkenne-Dein-Selbst. Meine Bereitschaft, mich meinem Unbewussten zu stellen, kann ich unterstreichen, indem ich zum Beispiel ein Traumtagebuch führe, in das ich jeden Morgen meine Träume aufschreibe, ihnen einen Titel gebe und dabei auch versuche, diese Träume auf dem Hintergrund der Fragestellung meiner Berufung zu deuten. Neben dem Sich-Erinnern und Aufschreiben meiner Träume können auch Malen oder die aktive Imagination, bei der ich mir bewusst etwas vorstelle und mich dann meiner Phantasienwelt überlasse, dazu beitragen, dass Unbewusstes in mein Bewusstes fließen kann.

Bestätigung durch andere

Um für mich herauszufinden, wer ich bin, was ich will, was mein Lebenstraum und meine Berufung ausmacht, bedarf immer wieder auch der Bestätigung durch andere. Es sind die Menschen, die wirklich um mich wissen, die mir gut gesinnt sind, die an meinem Wohlergehen Interesse haben. Dazu bedarf es eines einfühlsamen, vorbehaltlosen Hinführens und Hinspürens durch Menschen, die daran interessiert sind, das zu entdecken, was meine Berufung, Bestimmung, meine persönliche Wahrheit ist. Manchmal bedarf es auch der Konfrontation durch andere. Hier wird deutlich, dass neben der persönlichen Auseinandersetzung mit mir selbst, dem Eintauchen in meine Tiefe, bei dem mir vor allem auch meine Träume helfen können, das Gespräch mit mir vertrauten Menschen oder mit professionellen therapeutischen und spirituellen Begleitern und Begleiterinnen wichtig sein kann, meine persönliche Berufung, auch als Ausdruck meines Lebenstraumes und meiner persönlichen Wahrheit herauszufinden.

“Das ist mein wirkliches Ich”

Die bewusste Auseinandersetzung mit dem größeren inneren Menschen und dem eigenen Seelenzentrum, ist ganz wesentlich, um mit meiner Berufung in Berührung zu kommen, sie zu erkennen und sie schließlich zu leben und dann auch lebendig zu erhalten. Diese Auseinandersetzung geschieht zunächst einmal in besonderer Weise im Prozess der Identitätsfindung, bei der es darum geht, herauszufinden, wer ich bin und was ich will. Neben dem Wissen, dass ich der bin, dass ich das will, geht es dabei auch um eine Erfahrung, bei der wir eine Art Bestätigung aus unserem innersten Selbst erfahren. Der Psychologe William James sagt: „In solchen Augenblicken gibt es in unserem Innern eine Stimme, die spricht und sagt: `Das ist mein wirkliches Ich´. Es ist also gleichsam etwas, was uns geradezu überkommt, eine Überraschung, und nicht etwa etwas, nach dem wir mühsam forschen“. Sehr treffend drückt das Hermann Hesse in seinem Buch Demian aus, wenn er sagt:

Ich hatte einen Augenblick die Empfindung,
ich trage einen Kristall im Herzen,
und ich wusste plötzlich,
es war mein Ich.

Ein entscheidendes Element bei der Bewusstwerdung meines Ichs, ist auch meine Bestimmung und Berufung. Sie muss mit dieser Identität in Einklang zu bringen sein. Sie muss ein Teil dieses Kristalls sein.

Herauskristallisieren der eigenen Berufung

Aus dem, was ich gesagt habe, ist deutlich geworden, dass das In-Berührung-Kommen, das Herausfinden der eigenen Berufung mit einem Prozess einhergeht. Es ist ein Prozess, bei dem mein bewusstes Überlegen und Nachdenken ebenso wichtig sein kann wie ein In-die-Tiefe-Gehen, ein In-Kontakt-Kommen mit dem Unbewussten. Es ist im Grunde genommen vergleichbar mit dem, wie Heinrich Böll den Vorgang beschreibt, der schließlich dazu führt, dass er ein bestimmtes Buch schreibt. So meint er:

„Du holst dir aus dem Steinbruch einen Stein, dann kommt der bewusste Vorgang der Bearbeitung dieses Brockens Stoff… Da wissen wir noch zu wenig drüber, da weiß ich auch selber zu wenig drüber… Ich weiß vorher nicht, was daraus wird. Den Stoff, den holst du dir, das ist kein Problem. Und der kommt auch aus dem Unbewussten oder Unbehauenen, ich bleibe bei dem Vergleich mit dem Stein. Dann fängt eine sehr genaue Arbeit an, in der aber auch wieder Unbewusstes ist, denn formen ist kein ganz bewusster Vorgang… Was dann einzeln passiert, mit dir, in dir, um dich herum, während du daran arbeitest, dass ist nicht eruierbar“.

So oder so ähnlich verhält es sich mit unserer Berufung. Es bedarf des vorsichtigen, zugleich aber auch beständigen Arbeitens und Herauskristallisierens der eigenen Berufung. Das geschieht durch die eigene Auseinandersetzung mit mir und meinem Selbst und durch die Hilfe anderer Menschen, seien es Freunde, Verwandte oder professionelle Helfer und Helferinnen.

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