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„Ich vermisse nichts. Ich bin tief zufrieden mit meinem Leben.“

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Maria Anna Leenen

Maria Anna Leenen, Sie leben als Eremitin. Was bedeutet das genau?
Eremitisches Leben ist in erster Linie ein Leben des Gebetes in Zurückgezogenheit und ohne stützende Gemeinschaft. Für mich wird in unserem Leben deutlich, was jeder Mensch eines Tages erfahren wird und zwar im Augenblick seines Todes: Ich stehe allein vor Gott und kann und darf versuchen mein Leben mit den Augen Gottes anzuschauen. Ich versuche alles so zu sehen, wie es vor Gott war, und kann das nur, wenn ich meine Schwäche, meine Fehler, meine unerfüllten Sehnsüchte wahrnehme und sie umfangen finde von einer großen und barmherzigen Liebe dieses Gottes. Das einzuüben und mit tiefer Dankbarkeit zu leben, ist tägliches Brot in dieser Lebensform.

Sie haben nicht immer als Eremitin gelebt. Was haben Sie davor gemacht?
Viel! 🙂 Ich habe verschiedene Berufe gehabt, z.B. Sportlehrerin. Ich war sehr abenteuerlustig und bin in vielen Ländern gewesen. Wenn ich mein Leben in einem geistlichen Rückblick anschaue, weiß ich heute, dass darin eine große Sehnsucht und Suche nach Sinn verborgen war.

Wie haben Sie dann den Ruf gespürt, als Eremitin zu leben? Das ist ja schon eine recht ausgefallene Berufung!
So ausgefallen finde ich das gar nicht, denn in Deutschland gibt es seit dem 4. Jahrhundert durchgehend Menschen, Frauen und Männer, die diese Berufung gelebt haben. In sehr unterschiedlichen Ausprägungen und Formen. Der erste Impuls zu meinem jetzigen Leben war in Südamerika, wo ich mit mehreren Europäern eine Büffelfarm aufgebaut habe. Es war damals ein plötzlicher und völlig überraschender Anruf Gottes, der mein Leben innerhalb von 4 Sekunden komplett umkrempelte. Dann ging der Weg zunächst ins Klarissenkloster. Die gute und sehr liebevolle Prägung durch »meine Schwestern« hat mit dazu beigetragen, mein geistliches Handwerkszeug zu formen, was mir bis heute hilft, auf der Spur Jesu zu bleiben. Aber irgendwann war klar, dass ich eine andere Berufung habe. Und nach intensiven Gesprächen mit meiner Novizenmeisterin und viel Gebet war klar: Ich habe eine Berufung als Eremitin. Es hat dann noch einmal eine Zeit gedauert, bis ich wusste, wie ich das im 20. Jahrhundert leben soll und kann. Und jetzt darf ich in drei Jahren schon silberne Profess feiern.

Uns ist aufgefallen, dass es zwar Fotos von Ihnen gibt, aber auf keinem Ihr Gesicht zu sehen ist. Warum ist Ihnen das wichtig?
Zum einen: Wir haben heute eine Gesellschaft, die sich mit einer Flut von Bildern täglich, sogar stündlich zumüllt. Fotos, Videos, Selfies, Plakate und vieles mehr. Eine Flut, die meiner Meinung nach dem Menschen nicht gut tut. Außerdem ist nicht mehr eine Botschaft an sich wichtig, sondern nur eine Botschaft, die mit einer Person verbunden ist. Zum Beispiel Stars aus dem Fernsehen oder aus der Popkultur, die eine Message für ihre Fans haben, sich aber nach einiger Zeit anders orientieren und dann manchmal fast das Gegenteil für wichtig halten. Es erodiert Werte, wenn Meinungsbildung über solche Kanäle läuft. Zum anderen: Ich lebe als Eremitin sehr zurückgezogen, muss aber mit dem Bücherschreiben Geld verdienen. Das ist ein schwieriger Spagat, denn auch in der Buchbranche mit ihren Marketingstrukturen werden Botschaften an eine Person gebunden. Das geht soweit, dass der Wert eines Buches nicht mehr an seiner literarischen Qualität und der vermittelten Botschaft gemessen wird, sondern daran, wer der Autor ist. Dem verweigere ich mich.

Eines Ihrer Bücher trägt den Titel „Einsamkeit schafft Raum“. Sie leben relativ abgeschieden in einer Klause. Beglückt Sie die Einsamkeit?
Einsamkeit ist ein Containerbegriff. Da passt sehr viel und auch sehr unterschiedliches hinein. Von der erholsamen Einsamkeit im Urlaub bis zur krank machenden Vereinsamung. Man kann sehr einsam sein und mitten unter Menschen leben. Ich reduziere meine Kontakte, stehe aber z.B. immer wieder Menschen zum Gespräch zur Verfügung oder muss für meinen »Brotberuf« mit anderen Menschen arbeiten, sprechen usw. Meine Zurückgezogenheit ist keine Flucht vor der «bösen Welt«, sondern dient der Konzentration auf das wichtigste in meinem Leben: Die Beziehung zu Gott. Und auf dieser Ebene ist die Einsamkeit eine Kostbarkeit, die mich mit Freude erfüllt. Glück ist für mich dabei sozusagen ein Sahnehäubchen, was ab und zu, aber nicht zu häufig, auf meinen zufriedenen Alltag gekleckst wird.

Gibt es bei Ihnen in der Klause typische Tagesabläufe? Wie sieht ein Tag bei Ihnen aus?
In der Regel stehe ich um 6.00 Uhr auf, es gibt ein kurzes Gebet in meiner Kapelle, dann einen Milchkaffee. Und danach wechseln sich den Tag über Zeiten des Gebetes in der Kapelle und Arbeit ab. Ähnlich wie an einem Tag im Kloster. Dazu kommt mindestens einmal im Monat eine Heilige Messe in meiner Kapelle (ansonsten gehe ich in den umliegenden Gemeinden zur Messe) und immer wieder eucharistische Anbetung, meistens am späten Abend.

Wozu dient es aus Ihrer Sicht, dass es Menschen wie Sie gibt, die als Eremiten leben?
Eremitisches Leben ist eine Form, den christlichen Glauben konsequent zu leben. Genauso könnte man fragen: wozu dient es, eine sakramentale Ehe einzugehen oder in einen Orden einzutreten. Alle Berufungen, alle Formen der Nachfolge Jesu, alles christliche Leben dient dazu, Gottes Botschaft zu den Menschen zu bringen. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten der Verkündigung und der Weitergabe. Einsiedler und Einsiedlerinnen bezeugen durch ihre stille und betende Präsenz, dass Gott und die Beziehung zu ihm zu einem erfüllenden Leben führt, mit einer Hoffnung, die über den Tod hinausreicht und auch wie eine Brücke über die Abgründe und Bösartigkeiten dieser Welt trägt.

Was gibt Ihnen Kraft, Ihre Berufung zu leben? Was sind Ihre Quellen?
Ich glaube, die größte Kraft, mein Leben zu führen, ist das Gesamtpaket der inneren und äußeren Erfahrungen der letzten 30 Jahre, dass Gottes unbegreiflich große Liebe zu uns kleinen und sehr schwachen und angefochtenen Menschen bedingungslos und grenzenlos ist. In dem Vertrauen auf diese Liebe bin ich geborgen. Gestützt, ausgelöst und vertieft wird dieses Gesamtpaket durch das Gebet, die Schriftlesung, wird es durch das wachsame und aufmerksame Wahrnehmen und Spüren der verborgenen Gegenwart dieses Gottes im Menschen, in der Schöpfung. Manchmal fast nicht wahrnehmbar, manchmal in unglaublicher Intensität seiner Präsenz, die eine tiefe Freude auslöst.

Gibt es etwas, dass Sie in der jetzigen Form Ihres Lebens manchmal vermissen?
Ich habe früher viel Geld für (aus meiner heutigen Sicht) unnütze Dinge ausgegeben. Das Geld hätte ich jetzt gern, denn die Klause braucht dringend ein neues Dach. Ansonsten vermisse ich nichts. Ich bin tief zufrieden mit meinem Leben.
Maria Anna Leenen

Maria Anna Leenen, Jahrgang 1956, lebt seit 1994 als Eremitin in der Klause St. Anna im Norden des Bistums Osnabrück. Sie schreibt seit vielen Jahren zu den Themen Spiritualität und geistliches Leben, u.a.:
Einsamkeit schafft Raum. 3x7 Zusagen des Glaubens. Paderborn 2014
Ganz weit draußen. Manchmal muss man erst ganz weit raus, um zu sich selbst zu finden. Asslar 2016
www.maria-anna-leenen.de
www.eremiten-in-deutschland.de

Klause St. Anna der Erimitin Maria Anna Leenen.

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