Von der Stille und dem Schweigen

Nun ist sie wieder da: Die stille Zeit, der Advent.

Die geistige Tradition kennt den Unterschied zwischen „Stille“ und „Schweigen“.

Schweigen ist eine „Tätigkeit“ des Menschen. Stille dagegen ist ein „Zustand“. Aber: Was ist zuerst da? Die Stille oder das Schweigen?

Noch bevor der Mensch etwas unternimmt, ist die Stille bereits da. Sie ist vorgegeben und tritt dem Menschen entgegen, wenn er schweigt. Mein Schweigen ist ein sekundärer Akt. Die Stille ist der Urzustand des Kosmos! Wenn ich schweige und mich der Stille anvertraue, befinde ich mich im Einklang mit dem Urzustand des Kosmos, der mich stets umgibt. In diesem Urzustand begegne ich Gott. Ich halte mich gleichsam hinein, in seinem liebenden und bejahenden Schöpferwillen, in dem ich schon präsent war, als noch tiefes Schweigen das All umfasste.

Ziel des Schweigens ist es, der Stille einen Raum in mir zu eröffnen, in dem ich ganz ich selbst sein kann, frei von allen Erwartungen, die man von außen an mich stellt und von eigenen Mechanismen, mich an die Wünsche anderer anzupassen. In diesem Raum des Schweigens bin ich offen für das Wesentliche, offen für Gott, der zu mir sprechen möchte. Denn Schweigen hat mit Hören zu tun: Ich höre auf die leisen Impulse meines Inneren, in denen Gott selbst zu mir spricht. Wenn ich äußerlich und innerlich schweige, bietet sich mir die Möglichkeit, das Ver-deckte zu ent-decken, das Ver-hüllte zu ent-hüllen und es Gott hinzuhalten.

So ist es kein Zufall, dass in der Liturgie der Christmette eine der Lesungen aus dem Buch der Weisheit ist, wo es heißt: „Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab …“ (Weish 18,14-15)

 

Dr. Peter Jochem
Geistlicher Rektor, Hardehausen

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