Was hört man in der Stille?

Eine Erfahrung teilen wir, glaube ich, heute alle. Unsere Welt ist furchtbar laut. Dabei geht es nicht nur um den Autolärm der Stadt. Wir werden jeden Tag mit Nachrichten überflutet, mit Ansprüchen konfrontiert und von zunehmender Komplexität überfordert.

Das ist nicht das Problem unserer modernen Welt. Schon Johannes der Täufer floh aus dem Lärm seiner Stadt. Hatte er einen Grund dazu? Er war gut situiert. Sohn eines anerkannten Priesters. Es ging ihm besser als den meisten Menschen seiner Zeit. Und doch floh er in die Wüste vor all dem Lärm, den die Ansprüche seiner Welt an ihn herantrugen.

Die Wüste ist seit jeher der ursprüngliche Ort der Stille. Hier kommen die Stimmen der Stadt, die sich von außen auch ins Innerliche schleichen, zum Schweigen. Was aufgehen soll, ist das Wesentliche, doch was ist das? Johannes wusste es wahrscheinlich selbst nicht so genau. Deshalb ging er ja in die Wüste, um dies herauszufinden. Durch eine asketische Praxis versuchte er sich auch nur den notwendigsten Reizen auszusetzen. Das war seine Weise, den Weg des Herrn gerade zu machen. Als nervöse Offizielle zu ihm geschickt wurden, um herauszufinden, wer das da eigentlich war, der in der Wüste so viel Menschen anzog, gab Johannes nicht einfach seine Personalien an, sondern lediglich das, was mit seiner Person geschieht. „Eine Stimme, die in der Wüste ruft: Macht gerade, die Wege des Herrn.“ (Joh 1, 23)

Johannes ging in die Wüste, um zu hören. Doch was galt es zu hören? Dies wird erst wirklich deutlich, als Jesus zu Johannes kam, um sich taufen zu lassen.

„Und sogleich, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel aufriss und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ (Mk 1, 10-11)

Kaum jemand drückt die Szene so gefühlvoll aus wie Rogier van der Weyden in seinem Johannes-Altar von 1455. Diese Stimme, die vom Himmel tönt, ist das, was die Stille der Wüste zu hören gibt. Und sie ändert alles. Die Person Jesu ist nicht erst am Kreuz, sondern bereits bei seiner Taufe eine Stellvertretungsgestalt. Die Stimme, die an ihn ergeht, ergeht an uns alle. Und die Liebeszusage führt uns heraus, nicht nur aus dem Alltagslärm unserer eigenen und fremden Ansprüche, sondern auch aus dem Missverständnis, dass wir uns durch eigene Askese oder Leistung beweisen oder rechtfertigen müssen. Das Bild der Taufe Jesu lädt uns auch heute ein, den Lärm der Stadt und Weihnachtsmärkte, aber auch unseren inneren Lärm zu verlassen und uns in die Stille der Wüste zu begeben, in der wir auch heute noch die Stimme wahrnehmen dürfen, die alles verändert: Du bist geliebt, ohne jede Leistung, ohne jeden Anspruch.

Frohe Adventszeit und ein gesegnetes Weihnachtsfest euch allen.

 

Dr. Daniel Rumel
Pastoralreferent im Pastoralverbund Delbrück- Hövelhof

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