Hören ist nicht gleich Hören.

Dieses Phänomen fiel mir beim Beobachten meiner älteren, schwerhörigen Mitschwestern während des Mittagessens auf. Durch ihr vermindertes physisches Hörvermögen entstanden so manches Mal sehr interessante Tischgespräche, in denen die Eine die Andere ebenso wenig verstand wie die Andere die Eine. Die Themen, die sie dabei miteinander besprachen, waren zum Teil sehr verschieden. So redete einmal eine Schwester über die morgendliche heilige Messe, während die andere von ihrer Nichte und deren kranken Hund erzählte. Trotz dieser Unterschiedlichkeit redeten sie munter vor sich her und schienen mit dem Gespräch sehr zufrieden zu sein. Glücklich und bestärkt gingen sie nach dem Essen wieder ihrer Wege.

Andere Gespräche zwischen einigen von ihnen verliefen jedoch genau andersherum. Wieder redeten sie miteinander, ohne die jeweils andere wirklich physisch zu verstehen. Und wieder waren die Themen vollkommen verschieden. Doch in diesem Fall verlief das Gespräch nicht sehr einmütig. Bei manchen Gesprächen kam es zum Streit und die Schwestern gingen unzufrieden und in Unverständnis über die unfreundliche Art ihrer Mitschwester nach dem Mittagessen auseinander.

Diese Situationen, welche jeweils dieselben physischen Voraussetzungen boten und doch einen so unterschiedlichen Verlauf hatten, zeigten mir, dass Hören nicht gleich Hören ist. Es beschränkt sich nicht rein auf das physische Verstehen der Sprache. Viel mehr ist es auch ein Produkt unserer inneren Einstellung. Was wollen wir hören? Mit welchen Ohren lauschen wir unserem Gegenüber?

Mit dieser Betrachtung können wir unter anderem einen Blick auf die Adventszeit werfen. In dieser Zeit des sich Bereitens geht es auch darum, zur Ruhe zu kommen und zu horchen. Dabei können die Fragen danach aufkommen, was ich eigentlich hören möchte, von meinen Mitmenschen, aber auch von Gott. Mit welchen Ohren ich in diese vorweihnachtliche Zeit lausche? Höre ich nur den Stress des anstehenden Festes und die damit verbundenen Erwartungen? Oder habe ich ein Ohr für die leisen Töne dieser Zeit, die uns Zuversicht und Hoffnung in so mancher Unverständlichkeit unseres Lebens schenken wollen?

 

Sr. M. Lucia Liebenau FCJM
Novizin der Franziskanerin Salzkotten

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