Ich höre, was du siehst

Eine blinde Schülerin sagte einmal zu mir: „Ich höre, was du siehst. Ist das nicht klasse?“

Wenn das Sehen nicht da ist, ist das Hören die wichtigste Möglichkeit, die Umwelt auf Distanz wahrzunehmen, der einzig bleibende Fern-Sinn. Alle anderen Sinne brauchen eine Annäherung, die immer auch eine Überwindung bedeutet.

Bei meiner Arbeit mit einem jungen Menschen, der schlecht oder nicht sehen kann, ist das Hören eine notwendige Unterstützung. Ich muss ihm die Möglichkeit geben, das Geschehen auch ohne Sehen wahrzunehmen. Ich unterstütze mein Handeln durch verbale Begleitung. Ich spreche während des Handelns und beschreibe mein eigenes Tun. Ich gebe dem Lernenden damit die Möglichkeit, hörend zu erfahren, was er sehend nicht wahrnehmen kann. Ich bereite den Menschen akustisch auf Erfahrungen vor, damit er sich darauf einstellen kann.

Dabei wird mir mein eigenes Handeln oft neu bewusst. Ich bedenke intensiv, was ich tue, denn ich muss es in Worte fassen.

Was nimmt der Mensch hörend wahr? Was nehme ich sehend wahr? Ist das die gleiche Wirklichkeit? Was ist die Wirklichkeit?

 

Rainer Heeman
Lehrer an einer Förderschule für sehbehinderte und blinde Schülerinnen und Schüler

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