Von der Flüchtigkeit des Moments

„Hast du mir etwa nicht zugehört?“ – Laut und deutlich prasseln die Worte meiner kleinen Tochter auf mich ein, als ich vollbepackt mit Einkäufen unterm Arm und dem Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt durch den Hausflur stochere und noch weitere Stolperfallen in Form von ausgelegten Kinderschuhen hastig zur Seite schiebe. Im ersten Moment – etwas überrascht von der Entrüstung meiner Tochter – bin ich mir sicher, dass ich es habe. Multitasking und so. Ich nicke ihr flüchtig zu und frage mich im nächsten Moment dann ehrlicherweise, was sie mir gerade wirklich denn gesagt hat. Und was ich da abgenickt habe. Also doch nicht so multitasking.

Immer noch sauer, dass von mir keine eindeutige Reaktion kommt, stapft sie hinter mir her in die Küche. Als ich das kurze Telefonat beendet und den Einkauf verräumt habe, startet sie einen neuen Versuch. „Ich hab dir eben was Schönes erzählt und du hast es gar nicht gehört!“ sprudelt es enttäuscht aus ihr heraus. Puh, das saß. Ich schüttelte mich und musste zugeben, dass „multitaskingfähig“ nicht immer eine besondere Auszeichnung ist. Ja, gehört hatte ich sie. Aber was sie gesagt hat, hat mein Ohr nicht wirklich zu mir zugelassen. Dafür war ich viel zu beschäftigt.

Schnell entschuldige ich mich bei ihr, hocke mich vor sie und bitte sie noch einmal in Ruhe, mir alles zu erzählen, was mein Ohr eben nicht wirklich vernommen hat. Auf Augenhöhe strahlen mich ihre Augen an und sie erzählt mir stolz von einer Begebenheit in der Schule. Ich nehme sie in den Arm und freue mich mit ihr.

Aber ich bleibe nachdenklich zurück. In der Flüchtigkeit des Moments hätte ich fast nicht mitbekommen, welche Freude sie mir mitteilen wollte. Und dann frage ich mich, wie oft ich in dieser Flüchtigkeit schon Gott überhört habe, der mir mitten im Alltag etwas Freudiges oder Mutmachendes mit auf den Weg geben wollte. Zwischen Tür und Angel, einfach so. Aber ich habe den Moment vergehen lassen und habe mich nicht – wie bei meiner Tochter – ihm zugewandt. Nachgehört. Es mir nochmal sagen lassen.

Als meine Tochter nun zufrieden war, dass ich endlich zugehört hatte, drehte sie sich um und ging zurück in den Flur. Beim Weggehen hörte ich sie noch sagen: „Mama, mit dir braucht man manchmal echt Geduld!“ Ich musste wirklich lachen. Und vielleicht sagt sich das Gott auch, wenn er liebevoll auf mich schaut.

 

Ann-Kristin Idzik
Referentin in der Diözesanstelle Berufungspastoral und Referentin für spirituelle Angebote im Pauluskolleg

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