20. Dezember 2020

Morgen werde ich (da-)sein

Heute möchte ich mit Ihnen einen Kleinod des Advents teilen: Die sogenannten O-Antiphonen der letzten sieben Tage vor Weihnachten (17.-23. Dezember). Eigentlich haben diese kurzen Gesänge, genannt Antiphone, in der Vesper, dem Abendgebet der Kirche, ihren Platz. Sie drücken die Sehnsucht nach dem Kommen Jesu in Wort und Melodie aus. Die Antiphonen zehren dabei vor allem von der alttestamentlichen Symbolsprache rund um den erwarteten Messias.

Jeden Tag beginnt die O-Antiphon mit der Anrufung “O” (daher im Übrigen auch der Name O-Antiphon”) und es folgt ein immer neuer Name für den Erwarteten: O Weisheit, O Adonai, O Wurzel Jesse, O Schlüssel Davids, O Morgenstern, O König aller Völker, O Emmanuel. In den Antiphonen wird, ganz verschieden, die Hoffnung ausgedrückt, die mit dem Kommen Jesu verbunden sind: Errettung aus Dunkelheit, Sünde, Tod, Verzweiflung, weltlicher Herrschaft und weltlichen Bedingtheiten.

Heute am 20. Dezember, singt die Kirche folgende Antiphon:

„O Schlüssel Davids,

Zepter des Hauses Israel –

du öffnest, und niemand kann schließen,

du schließt und keine Macht vermag zu öffnen;

o komm

und öffne den Kerker der Finsternis und die Fesseln des Todes!“

 

Wer von uns, besonders in diesen Corona-Zeiten, sehnt sich nicht nach jemandem, der kommt und den Finsternissen unseres Lebens endgültig ein Ende bereitet? Jemand der alle Dunkelheiten erleuchten kann, der unsere Herzen öffnen kann und uns die Fesseln dieser Welt lösen kann? Poetisch und drängend ruft die Antiphon nach diesem Heiland.

 

Ich lade Sie ein, lesen und hören Sie diese Antiphon heute ganz bewusst. Wo wissen Sie in ihrem Leben um Finsternisse und Fesseln des Todes? Wo sehnen Sie sich nach jemandem, der kommt, und diese Dunkelheit endgültig erleuchtet und zerbricht?

 

Die O-Antiphonen drücken aber nicht nur die große menschliche Sehnsucht nach einem Retter und Heiland aus – sie teilen auch die Überzeugung, dass uns in Jesus dieser Retter und Heiland an Weihnachten geboren wurde, und jedes Jahr neu wird.

 

Lesen Sie vom 23. bis zum 17. die Anfangsbuchstaben der Antiphone hintereinander, so entstehen die lateinischen Worte „ero cras“, auf Deutsch “Morgen werde ich (da-) sein”. Diese Zusage, diese Gewissheit möchte ich Ihnen bereits heute mit auf den Weg geben. Die wunderbar poetischen Ausgestaltungen menschlicher Sehnsucht nach Rettung und Heil – und zugleich die Gewissheit, dass genau diese Sehnsüchte erfüllt worden sind. Damals, heute und in Zukunft. “Morgen werde ich (da-)sein”.

 

 

Sr. Jakoba Zöll

Magistra Theologiae und Novizin der Olper Franziskanerinnen

 

Tipp zum Weiterlesen und Weiterhören: https://www.abtei-st-hildegard.de/o-antiphonen-in-ton-und-bild/

Foto: von Castorepollux.Ordre des prêcheurs – Gallica(Originaltext: Eigenes Werk), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45447332

 

Adresse: Leostraße 21 | 33098 Paderborn
berufungspastoral@erzbistum-paderborn.de
05251 206-5400
#gotteswerker
berufungspastoral.paderborn