19. Dezember 2020

Einen Kaffee?

Für wen bin ich da? Für meine beste Freundin, wenn sie Liebeskummer hat? Ja, auf jeden Fall. Für meinen Nachbarn, der sich ausgeschlossen hat? Sehr gerne. Für meine Oma, wenn sie Hilfe braucht? Aber sicher doch, ich bin schon auf dem Weg…

 

Bin ich aber auch für jemanden da, den ich noch gar nicht kenne? Bin ich für diesen einen Menschen da, der dort unten sitzt mit einem leeren Becher vor sich?

 

Ich hab’s ja doch ein wenig eilig heute Morgen. Ich muss zur Arbeit und schließe mich den vielen unbekannten Menschen an, die mit starrem Blick durch den Bahnhof hetzen. Ich nehme die Rolltreppe, damit ich noch auf meinem Smartphone rumtippen kann. Im Augenwinkel sehe ich sie rechts unten am Ende der Rolltreppe sitzen. Die Kapuze über den Kopf gezogen, die nackten dreckigen Füße gucken unter der Decke hervor, so sitzt sie fast jeden Morgen da. Die namenlose Masse eilt an ihr vorbei, manche schauen sie kurz an, die anderen schauen bewusst weg. Sie spricht keinen an, sie gehört nicht zu den Offensiven, die dich nach einem Euro fragen. Sie bleibt still sitzen und guckt in die Luft. Ich denke, sie könnte ein wenig jünger sein als ich, Anfang 20 schätze ich.

Wieso sitzt sie da nur? Hat sie kein Zuhause, keine beste Freundin oder eine Oma, zu der sie gehen könnte? Kann ich heute für sie da sein? Obwohl ich sie nicht kenne, ich nicht weiß, was ihr passiert ist und was sie gerade braucht? 

Unentschlossen bleibe ich stehe, schaue auf die Uhr, gleich um 8 Uhr steht eine Besprechung an, die Zeit drängt. Ich hocke mich hin und schaue sie an. Ihre Haare sind rabenschwarz, kurz geschoren und sie guckt mich mit ihren dunklen Augen skeptisch an.

„Kann ich etwas für dich tun? Magst du einen Kaffee haben?“

 

 

 

Kristina Sobiech

Sozialarbeiterin beim Caritasverband Dortmund, zuständig für youngcaritas

 

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