18. Dezember 2020

Licht und Wärme weitergeben

„Das könnte ich nicht!“ Diesen Satz haben wohl schon viele Hospizmitarbeiter*innen auf die Frage nach ihrem Engagement gehört. Diese Aussage stimmt mich immer nachdenklich. Natürlich ist es nicht einfach, sich mit Krankheit, Sterben, Tod und Trauer auseinander zu setzten. Immer wieder werden wir dadurch mit unserer persönlichen Endlichkeit konfrontiert und zur Reflexion unserer Haltung gegenüber kranken und sterbenden Menschen veranlasst. Sicherlich ist das eine große Herausforderung, der sich die ehrenamtlich und hauptamtlich Mitarbeitenden mit viel Liebe, Respekt und Ideenreichtum stellen.

Hospize haben eine lange Tradition. Im Mittelalter befanden sie sich häufig nahe anspruchsvoller und gefährlicher Teilstrecken auf Pilgerrouten. Sie boten den Menschen die Möglichkeit, sich zu stärken und Kraft zu sammeln. Oft fanden sich in den Gasthäusern Weggefährten für die weitere Pilgerreise. Zudem erhielten die Wanderer in den Hospizen Auskünfte darüber, wie der Pilgerweg fortgesetzt werden konnte und welche Gefahren die Strecke barg. In dieser Tradition möchte die neuzeitliche Hospizbewegung sterbende Menschen auf dem vielleicht schwierigsten Abschnitt ihres Lebensweges begleiten.

Das Sterben ist meistens eine sehr intensive Lebensphase. Gerade in dieser letzten Zeit findet so viel Leben statt! Geschichten und Erinnerungen werden mitgeteilt, es wird gehofft und gebangt, geweint, gebetet, gehadert und gefleht, aber es wird auch oft gelacht und gesungen. Alle Oberflächlichkeit und Äußerlichkeiten verlieren ihren Wert. Nur noch das Wesentliche des Menschen zählt. Was möchte er noch geregelt wissen? Welche Besucher sind jetzt noch wichtig? Welche Wünsche möchten noch erfüllt werden?

Wir versuchen die Wünsche und Bedürfnisse des Sterbenden wahrzunehmen und sie bei deren Erfüllung zu unterstützen. Manchmal geschieht dieses ganz leise und ruhig, durch persönliche Gespräche, manchmal jedoch auch laut und fröhlich, wenn Besuche im Fußballstadion oder noch ein letzter Besuch in der Lieblingskneipe gewünscht werden.

Am Ende des Lebensweges wird sehr häufig Lebensbilanz gezogen. Manchmal ist Aussöhnung mit Lebensbrüchen möglich. Bei dem, was nicht mehr gelöst werden kann, hilft vielen Menschen die Gewissheit, dass sie es Gott hinhalten dürfen – dass er es wandelt und erlöst. Das alte, etwas aus der Mode gekommene, Wort „Demut“ kommt mir häufig in den Sinn. Demut gegenüber der großen Würde eines jeden Menschen und seiner Lebensgeschichte. Darüber, wie es Menschen gelingt ihr Schicksal anzunehmen, ihr Gottvertrauen, ihre stille Freude und Zuversicht, die sich viele schwer erkrankte Menschen bewahren konnten. Demut im Besonderen darüber, dass Menschen uns bis zu ihrem Tod an ihrer Seite haben möchten.

Jede aufrichtige, ehrliche Begegnung in der Zeit, in der oft alles dunkel und kalt erscheint, bedeutet Licht und Wärme für uns Menschen. So kommt es zu der bemerkenswerten Tatsache, dass nicht nur wir – die Hospizmitarbeiter*innen – diejenigen sind, die Licht und Wärme schenken, sondern es sind auch die Sterbenden und ihre Angehörigen, die uns beschenken: durch das Vertrauen in uns, ihre Offenheit, ihre Lebensweisheit und Erfahrung, an der sie uns teilhaben lassen. Auch sie schenken uns viel Licht und Wärme.

So viel wirkliches Leben wird am Ende des Lebens durch aufrichtige Begegnung möglich! Darüber empfinden wir große Dankbarkeit.

 

 

Elisabeth Kahler

Hospizkoordinatorin in Büren – Seelsorgliche Begleiterin – Trauerbegleiterin

Foto: Pfarrbriefservice.de

 

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