15. Dezember 2020

Selbstoptimierung vs. der Blick auf den Anderen

Haben Sie sich in der Adventszeit auch schon gefragt, wie Sie trotz der leckeren Weihnachtsplätzchen und Dominosteine das Gewicht halten können? Oder wie trotz des erneuten Lockdowns die Psyche gesund bleibt? Vielleicht ist ja jetzt die Zeit, ein Hörbuch zum Thema Abnehmen zu hören oder zu Hause einen Onlinekurs Yoga zu besuchen? „Da geht doch noch was, ich könnte doch mal ein bisschen Zeit und Geld in mich selbst investieren“, könnten Ihre Gedanken sein.

 

Vielfältig sind die Möglichkeiten im Netz, das eigene Leben mit neuen Gedanken und Handlungsvorschlägen zu optimieren. Möglicherweise schauen Sie heute auch noch ein YouTube Video mit dem Titel „Nichtraucher in 20 Minuten” oder „Selbstwahrnehmung verbessern: Erkenne deine eigenen Stärken“.

Der aus Korea stammende Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin, Byung-Chul Han, gilt als einer der besten Analytiker der Gegenwart. Er erkennt in den zahlreichen digitalen Selbstoptimierungsangeboten, die auf den ersten Blick als sehr positiv erscheinen, vielmehr eine groß angelegte Selbstausbeutung des Menschen. Er strebt danach, sich selbst bis zum Optimum zu verwirklichen und ein Ideal-Ich zu entwerfen. Die Realität zeigt jedoch, dass die vielen möglichen Idealzustände nie zu 100% erreicht werden. Der Mensch wird letztlich unfrei.

Dass Prof. Han in diesem Aspekt einen aktuellen Blick auf die Gesellschaft hat, erkennen wir in den unzähligen digitalen Selbstoptimierungsangeboten: Bekannte YouTube Kanäle heißen z.B. TEDx, Wissenswert oder Greator. Und sie zählen viele Millionen Abonnenten.

Ein negativer Effekt der zahlreichen Selbstoptimierungsangebote ist, so beschreibt es Professor Han weiter, dass der Mensch einen verstärkten Narzissmus entwickelt und seinen Blick immer mehr nur auf sich selbst richtet. Er verliert den Blick für den Anderen in seinem Leben.

Wenn seine hier in aller Kürze beschriebene Analyse stimmt, ist das Jahresmotto 2021 der Berufungspastoral „Für wen bin ich da?” als Gegenakzent sehr zeitgemäß.

Der nicht endende Kreislauf der Selbstoptimierung wird erst zerbrochen, wenn der einzelne Mensch seinen Blick von sich selbst abwendet und ihn auf den Anderen richtet.

Die Hinwendung zum Anderen ist auch eine zutiefst biblische Forderung: Gott und den Nächsten zu lieben, sind die beiden ersten Gebote; – so steht es im Matthäusevangelium. Die Hinwendung zum Anderen führt letztlich zur wahren Freiheit, zu der wir Menschen nach Paulus berufen sind.

 

Stellen Sie sich doch vor dem Hintergrund der beschriebenen gesellschaftlichen Situation heute die Fragen: „Für wen bin ich da?” Wohin und auf wen kann ich heute meinen anerkennenden, liebenden Blick wenden?

 

Pastor Stefan Kendzorra

Leiter der Diözesanstelle Berufungspastoral im Erzbistum Paderborn

und eingesetzt im Pastoralen Raum Soest

 

Foto:  VectorMine / Shutterstock.com

 

 

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